MONTANAQUA: Wasserbewirtschaftung in Zeiten von Knappheit und globalem Wandel 

Dieses Bild zeigt einen Ausschnitt eines Skigebietes mit einer Schneekanone und zwei Skifahrer.

Videoclip des Projekts

Dieses Projekt ist abgeschlossen.

Hintergrund
Das Projekt MontanAqua untersuchte die Wassersituation und Wasserbewirtschaftung der Region Crans-Montana-Sierre (Wallis). Dabei entwickelten die Forschenden zusammen mit den betroffenen Akteuren nachhaltige Wasser-Nutzungsstrategien für die Zukunft.

Methoden
Als erstes analysierte das Forschungsteam die aktuelle Wasserverfügbarkeit und -nutzung sowie die aktuelle Wasserbewirtschaftung in den elf Gemeinden der Region. Darauf basierend wurden die zukünftigen Auswirkungen von Klimaänderungen und gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen untersucht. Das Forschungsteam erfasste die aktuelle Situation mittels quantitativen und qualitativen Erhebungen im Gelände und kombinierte diese mit Modellberechnungen. Bei der Modellierung der Zukunft wurden regionale Klimaszenarien und vier gemeinsam mit lokalen Akteuren erstellte Szenarien für mögliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen einbezogen.

Resultate
Die wichtigsten Ergebnisse werden nun anhand von fünf Fragen dargestellt:

1. Wie viel Wasser steht in der Region Crans-Montana-Sierre zur Verfügung?
Aktuell ist bei weitem genügend Wasser vorhanden, um die Bedürfnisse von Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt zu decken. Bis 2050 werden die jährlich verfügbaren Wasserressourcen nur wenig abnehmen. Saisonal kann es aber zu Umlagerungen kommen. Trockenperioden werden häufiger auftreten. In solchen Fällen könnte das Wasser vor allem im Spätsommer in Teilregionen knapp werden.

2. Welche Rolle spielt der Plaine Morte Gletscher?
Der Gletscher stellt einen bedeutsamen Wasserspeicher dar. Im Sommer fliesst heute der grössere Teil des Schmelzwassers Richtung Norden; in der übrigen Zeit fliesst das Wasser eher auf die Walliser Seite ab, namentlich über die Quellen der Loquesse ins Einzugsgebiet der Liène. Infolge des Gletscherschwundes werden die Abflüsse aus dem Gletscher bis ca. 2060 zunehmen und vor allem Richtung Norden erfolgen. Danach wird das Volumen des Gletschers zu klein sein, um noch namhafte zusätzliche Abflussbeiträge zu liefern. Gleichzeitig dürfte der unterirdische Teil des Abflusses aus dem Plaine-Morte-Gebiet zunehmen. Auch nach dem vollständigen Verschwinden des Gletschers um 2080 dürften die Beiträge aus dem hoch gelegenen, niederschlagsreichen Gebiet der Plaine-Morte weiterhin bedeutend sein. Davon wird die Walliser Seite eher profitieren. Allerdings werden die Abflüsse im Hochsommer wegen der verminderten bis fehlenden Gletscherschmelze stark abnehmen.

3. Wie hoch ist der Wasserverbrauch?
Ohne Berücksichtigung der Wasserkraft werden 10.5 bis 13.5 Millionen m3 Wasser pro Jahr verbraucht. Das ist weniger als 10% der verfügbaren Wasserressourcen. Für die Wasserkraft werden jährlich zusätzlich 60 bis 80 Millionen m3 Wasser abgeleitet. Je nach gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung wird der durchschnittliche Wasserverbrauch zunehmen oder leicht abnehmen. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Region ist somit ein Schlüsselfaktor für den zukünftigen Wasserverbrauch. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass der maximale Verbrauch in trockenen Jahren wegen des hohen Bedarfs an Bewässerungswasser bis zu 60% zunehmen wird. In Trockenjahren muss damit gerechnet werden, dass der Wasserbedarf im Spätsommer das Wasserdargebot übersteigen wird und es somit zu Engpässen kommen könnte.

4. Wie sieht die Wasserbewirtschaftung heute aus?
Die aktuelle Wasserbewirtschaftung ist stark fragmentiert. Sie richtet ihr Augenmerk vor allem auf die Wassergewinnung und -verteilung, während der Nachfragesteuerung nur ein geringes Gewicht beigemessen wird. Technische Lösungen sind vorherrschend; ein eigentlicher politischer Diskurs zur Optimierung der Wasserbewirtschaftung findet nicht statt. Die rechtliche Situation im Bereich des Wassers ist sehr komplex und oft nicht transparent. Der Preis für Wasser ist im nationalen und internationalen Vergleich eher tief.

5. Ist diese Wasserbewirtschaftung nachhaltig?
Die heutige Wasserbewirtschaftung ist insgesamt nur teilweise nachhaltig: Sie ist zwar aus wirtschaftlicher und ökologischer Sicht relativ nachhaltig, aber nicht für alle Beteiligten gerecht. Der Grad der Nachhaltigkeit der zukünftigen Wasserbewirtschaftung hängt vom gewählten Entwicklungsszenario ab. Sie nimmt beim Wachstumsszenario deutlich ab, während die Szenarien "Stabilisierung", "sanfter Tourismus" und "Vision der Einheimischen" zu einer Verbesserung der Nachhaltigkeit führen werden.

Bedeutung für Forschung und Praxis
Aus den wichtigsten Resultaten und Erkenntnissen wurden fünf Kernbotschaften mit Empfehlungen formuliert:

Botschaft 1: Die Auswirkungen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels sind für die Wassersituation um 2050 entscheidender als der Klimawandel.
Die regionale Entwicklung ist möglichst so zu wählen, dass sie den Bedarf an Wasser beschränkt. Dies hätte eine wesentliche Anpassung der heutigen Praxis in Bezug auf Wasser- und Raumnutzung zur Folge.

Botschaft 2: Die jährlich verfügbaren Wassermengen sind heute und um 2050 insgesamt genügend; trotzdem kann in einzelnen Gebieten eine saisonale Wasserknappheit auftreten.
Eine regionale Wasserbewirtschaftung, an der alle Gemeinden beteiligt sind, ist zu fördern. Neben der technischen Weiterentwicklung und dem Ausbau der Infrastrukturen wie (Mehrzweck-) Speicher oder Verknüpfung der Versorgungssysteme braucht es vereinfachte rechtliche Grundlagen mit einer Neuverhandlung der regionalen Wasserrechte. Der Ablauf der Konzession der Wasserkraftnutzung an der Liène (Tzeusier-Stausee) im Jahre 2037 sollte von den betroffenen Gemeinden als einmalige Chance für die Entwicklung eines multifunktionalen Bewirtschaftungsmodells für den Tzeusier-Stausee angesehen werden. Davon würden alle Wassernutzerinnen und -nutzer profitieren.

Botschaft 3: Wasserprobleme sind vor allem Managementprobleme auf regionaler Ebene.
Um den Wasserbedarf zu senken und die Wassernutzungen zu koordinieren, braucht es eine bessere Zusammenarbeit unter den Gemeinden und eine Wende hin zur Nachfragesteuerung. Eine solche Veränderung erfordert die Gründung eines regionalen Verbundes mit angemessenen rechtlichen und finanziellen Mitteln und politischer Durchsetzungskraft. Der Kanton wird aufgefordert, sich stärker in die regionale Wasserbewirtschaftung einzubringen und den Aufbau solcher regionaler Organisationen zur Wasserbewirtschaftung zu unterstützen.

Botschaft 4: Gemeindeübergreifende Infrastrukturmassnahmen können zur nachhaltigen Sicherung der Wasserversorgung beitragen, aber nur wenn sie in umfassende gesellschaftliche und institutionelle Reformen eingebettet sind.
Eine gerechtere Wasserverteilung erfordert die Neuausrichtung des Wassermanagements auf das Gemeinwohl aller Einwohnerinnen und Einwohner. Dies gilt im besonderen Masse auch für die Planung technischer Infrastrukturmassnahmen. Dazu ist eine neue Aushandlung der Grundsätze und Rechte in Bezug auf den Zugang zu den Wasserressourcen nötig.

Botschaft 5: Für die effiziente Planung einer nachhaltigeren, regionalen Wasserversorgung sind die Datengrundlagen und die Transparenz unbedingt zu verbessern.
Der Kanton Wallis sollte eine Strategie zum Monitoring der Wassersituation entwerfen. Die Beobachtung des Wassers (Dargebot, Nutzung) auf regionaler Ebene wird solide Grundlagen für die Planung eines nachhaltigen Wassermanagements liefern. Ebenso wird empfohlen, die Nachhaltigkeit der aktuellen Praxis der Wasserbewirtschaftung auf regionaler Ebene zu begutachten. Schliesslich bildet eine umfassende kantonale Studie über die Möglichkeiten zur Erneuerung und Verbesserung der rechtlichen Situation im Bereich des Wassers eine Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Wassernutzung insbesondere in wasserknappen Perioden.


Originaltitel: Montanaqua: Ansätze zum Umgang mit Wasserknappheit in den Alpen – Wasserbewirtschaftungsoptionen für die Region Crans-Montana-Sierre (Wallis)


Projektverantwortliche
- Prof. Dr. Rolf Weingartner, Geographisches Institut
- Prof. Dr. Graefe Olivier, Département de Géosciences, Université de Fribourg
- Prof. Dr. Reynard Emmanuel, Institut de géographie, Université de Lausanne
- PD Dr. Rist Stephan, Geographisches Institut, Universität Bern

Zu diesem Thema

Kontakt

Prof. Dr. Rolf Weingartner
Geographisches Institut
Universität Bern
Hallerstrasse 12
3012 Bern
Tel.: +41 31 631 88 74
Fax: +41 33 631 85 11
E-Mail: wein@giub.unibe.ch

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